Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung
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Ortsgemeinschaft KKV HANSA Münster

„Demenz – eine Herausforderung“

Stefanie-OberfeldGemeinsam mit der Kolpingfamilie Münster-Zentral hatte der KKV Münster kürzlich zu einem Vortragsabend mit Stefanie Oberfeld eingeladen. Sie gilt als ausgewiesene ausgewie­sene Expertin auf dem Gebiet der Demenzbehandlung. Die Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie leitet sowohl das Gerontopsychiatrische Zentrum der Alexianer, als auch das Demenz-Servicezentrum NRW für Münster und die Kreise Coesfeld, Borken und Steinfurt im Clemens-Wallrath-Haus an der Josefstraße in Münster. Zudem ist Frau Oberfeld Demenz­beauftragte der Ärztekammer Westfalen-Lippe und arbeitet in dieser Funktion an einer besseren Vernetzung aller an der Versorgung von De­menzkranken Beteiligten.
Nachdem sie kurz Ihre Einrichtung vorgestellt hatte, ging Frau Oberfeld direkt in medias res und bot einen höchst informativen, immer um Allge­meinverständlichkeit bemühten Vor­trag, der alle in seinen Bann zog und die räumliche Enge des Vortragssaals vergessen ließ.

Die Referentin begann mit einer grund­sätzlichen Definition des Begriffs De­menz: In der wörtlichen Übersetzung aus dem Lateinischen heißt „De-Mens“ so viel wie „Weg vom Geist“ und umschreibt somit treffend das Hauptmerkmal einer Demenzerkrankung: den Verlust geistiger Fähigkeiten. Medizinisch gesehen, versteht man unter einer Demenz eine anhaltende Störung höherer Hirnfunktionen – wie Gedächtnis und Denken – in Folge einer krankhaften Veränderung im Gehirn.
Vor dem 60. Lebensjahr sind Demenzerkrankungen sehr selten. Danach steigt jedoch das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, sprunghaft an. So ist im Alter zwischen 85 und 90 bereits jeder Vierte betroffen. Mit dem wachsenden Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung wird in Zukunft die Zahl Demenzkranker weiter ansteigen. Derzeit sind in Deutschland ungefähr 1,1 Millionen Menschen betroffen. Für das Jahr 2050 rechnet man mit 2,6 Millionen Erkrankten. Weltweit wird die Zahl der Demenzkranken auf 26 Millionen geschätzt.
Probleme mit dem Gedächtnis kennt wohl jeder. Mit zunehmendem Alter mehren sich die Klagen über Gedächtnisprobleme. Die Erinnerung von Eigennamen wird vielleicht schwieriger und manch­mal fällt einem im Gespräch das richtige Wort nicht mehr ein. Leichte Vergesslichkeit, ein langsameres Erinnern oder mehr Mühe, sich zu konzentrieren und neue Dinge zu lernen, können Teil des normalen Al­terungsprozesses sein.
Aber eine Demenz ist mehr als eine einfache Vergesslichkeit. Die Verän­derungen sind schwerwiegender und dauerhaft und sie führen dazu, dass der Betroffene normale alltägliche Abläufe nicht mehr durchführen kann. Das bedeutet z.B., dass nicht nur die Butter beim Einkauf vergessen wird, sondern dass ein Mensch mit einer Demenz an der Su­permarktkasse Mühe hat, zu bezahlen und sich auf dem Weg nach Hause verläuft. Er vergisst nicht nur den Namen des Cafés, wo er sich mit dem Enkel getroffen hat, sondern unter Umständen, dass er über­haupt mit ihm zusammen war.
Charakteristisch für eine Demenz sind unterschiedliche Beeinträchti­gungen geistiger Fähigkeiten. Es besteht Verdacht auf eine Demenz­erkrankung, wenn der Arzt bei einem Patienten folgende Beschwerden diagnostiziert: Gedächtnisstörungen und dazu mindestens eine der fol­genden Einbußen: Beeinträchtigung von Urteilsfähigkeit und Denkver­mögen; Störungen der Sprache; Störungen von Handlungs- und Bewegungsabläufen und der sinnvollen Nutzung von Gegenständen; Unfähigkeit, Wahrgenommenes zu erkennen. Zu den genannten Ein­bußen kommen oft Folgeerscheinungen hinzu. Dies sind Orientierungs­störungen, Veränderungen des Verhaltens und der Befindlichkeit, wie z.B. Unruhezustände, Niedergeschlagenheit oder eine ausgeprägte Angst vor Veränderungen. Diese Aussagen illustrierte Frau Oberfeld mit sehr anschaulichen konkreten Beispielen aus ihrer praktischen Arbeit.
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen primären und sekundären Demenzen, wobei letztere auf Grunderkrankungen außerhalb des Gehirns zurückzuführen sind, wie z.B. Vitaminmangel, Stoffwechsel­erkrankungen und chronische Vergiftungserscheinungen durch Alkohol oder Medikamente. Diese Demenzen können sich zurückbilden, wenn die Grunderkrankungen erfolgreich behandelt werden.
Primäre Demenzen dagegen entstehen direkt im Bereich der Nerven­zellen oder deren unmittelbaren Blutversorgung. Dieses ist der Fall bei der Alzheimer-Krankheit oder bei der vaskulären Demenz, den beiden häufigsten Demenzformen.
Wie wird eine Demenz diagnostiziert? Nicht jede Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit ist Zeichen einer beginnenden Demenz. Erst anhand umfangreicher Untersuchungen lässt sich feststellen, ob eine Demenz vorliegt und welche Behandlung die besten Erfolgsaussichten verspricht. Der Arzt macht sich ein Bild von der geistigen Leistungs­fähigkeit, der subjektiven Befindlichkeit und dem körperlichen Gesund­heitszustand des Betroffenen. Er holt Informationen zur Entwicklung der Beschwerden, zur Lebenssituation und Biographie des Patienten ein.
Für die Diagnosestellung wird der Arzt Gespräche mit dem Betroffenen und seinen Bezugspersonen führen. Zudem sind eine gründliche kör­perliche Diagnostik und die Prüfung der geistigen Leistungsfähigkeit, auch durch den Einsatz spezieller Tests erforderlich. Der Arzt wird ferner entscheiden, ob zusätzliche technische Verfahren (z.B. Aufzeichnung der Hirnströme, Schichtaufnahmen des Kopfes) notwendig sind.
So erschreckend die Diagnose einer Demenz auch sein mag, sie bietet auch Hilfe. Fehlleistungen und Veränderungen der Stimmung und des Verhaltens werden erklärbar. Es kann mehr Verständnis entstehen und damit die Möglichkeit, die Lebensumstände der Krankheit anzupassen. Eine gründliche Diagnostik ermöglicht es zudem, behebbare Demenz­ursachen rechtzeitig zu erkennen. Da die Art der Behandlung abhängig von der zugrundeliegenden Krankheit ist, ist die Feststellung der genauen Ursache der Beschwerden unerlässlich.
Eine Therapie, die zur Heilung führt, ist derzeit für die Mehrzahl der De­menzerkrankungen nicht möglich. Die „Diagnose“ Demenz bedeutet aber nicht „hoffnungslos verloren“. Es gibt viele Möglichkeiten, die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Familien zu erhalten und zu verbessern. Ziel einer Therapie ist es, die Beschwerden und Begleiterscheinungen der Demenz zu lindern, die Selbstständigkeit des Erkrankten zu fördern und die mit der Erkrankung verbundenen Belastungen für den Erkrank­ten, aber auch für die Betreuenden, zu minimieren. Idealerweise umfasst ein angemessener Umgang und eine geeignete Therapie mehrere As­pekte: den Erkrankten einbeziehen, seine Bedürfnisse, Freuden und Ängste beachten Angehörige und Helfer informieren, begleiten und ent­lasten; dem Erkrankten Wege eröffnen, tätig zu sein und am Leben teilzunehmen; das Verhalten und die äußeren Lebensumstände der Erkrankung anzupassen; medikamentöse Therapie und allgemeine Be­handlung körperlicher Begleiterkrankungen.
Einen großen Teil ihres Vortrages widmete Frau Oberfeld der Rolle der Angehörigen bei der Pflege von Demenzerkrankungen. Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, sind in zunehmendem Maße auf die Fürsorge anderer angewiesen. Die meisten von ihnen werden zu Hause von nahen Angehörigen betreut. Der Verbleib in der gewohnten Umge­bung und das Zusammensein mit vertrauten Menschen ist besonders für Demenzkranke, die unter Fremdheitsgefühlen und Orientierungsstö­rungen leiden, eine große Hilfe. Die Vorzüge der häuslichen Betreuung haben aber oft ihren Preis. Dieser Preis sind die Belastungen und manch­mal auch Überforderungen der Angehörigen oder anderer Helfer wie Nachbarn und Freunde.
Eine Demenz verändert die Beziehungen und das Zusammenleben in der Familie. Verantwortlichkeiten und Aufgaben müssen neu verteilt wer­den, Erwartungen und Umgangsregeln müssen sich ändern. Eigene In­teressen, Bedürfnisse und Zukunftspläne werden zurückgestellt oder aufgegeben. Um sich auf die veränderten Bedingungen einzustellen, ist Wissen um die Erkrankung, zum Umgang mit herausfordernden Situa­tionen und zu Möglichkeiten der Entlastung hilfreich. Auch durch eine bedürfnisgerechte Umgestaltung der Häuslichkeit kann der Alltag für einen Menschen mit Demenz überschaubarer und sicherer ge­staltet werden.
Manchmal gibt es aber auch Gren­zen für die Betreuung zu Hause Grenzen, die z.B. durch Überfor­derung und Überbelastung der Pflegenden gegeben sein können, durch unzureichende örtliche Hilfsangebote oder durch das Ausmaß schwieriger Verhaltensweisen. In diesem Fall kann der Umzug in eine betreute Wohnform oder in ein Altenheim die bessere Alternative sein. Einem Menschen mit De­menz zur Seite zu stehen, bedeutet nicht nur, für das Wohl des Erkrank­ten Sorge zu tragen, es bedeutet auch, das eigene Wohl nicht aus dem Auge zu verlieren. Es ist daher wichtig, eigene Belastungsgrenzen richtig einzuschätzen und rechtzeitig nach Rat und Hilfe zu suchen.
Das aufmerksame Publikum dankte Frau Oberfeld mit lang anhaltendem Beifall. Anschließend beantwortete die Referentin mit Geduld und tiefer Sachkenntnis die vielen Fragen aus dem Plenum. Auch hierfür spendeten die dankbaren Zuhörer lebhaften Beifall.
Allen, die sich über das Thema und die vielen Möglichkeiten der Hilfe informieren möchten, sei die Broschüre „Wegweiser Demenz für die Stadt Münster - Möglichkeiten - Angebote - Wege“ empfohlen, die Sie über untenstehenden Link direkt als PDF-Datei herunterladen können. In dieser Broschüre, die auch beim Sozialamt der Stadt Münster erhältlich ist, wird unter anderem die Einrichtung von Frau Oberfeld noch einmal aus­führlich mit allen Kontaktdaten vorgestellt.

Downlaod Broschüre "Wegweiser Demenz"